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Mikalojus Konstantinas Ciurlionis,
litauischer Komponist und Mahler, ist in Deutschland weitgehend
unbekannt, genießt in seinem Heimatland jedoch aufgrund
seiner Doppelbegabung einen hervorragenden Ruf. Geboren 1875
in Varena, verbrachte er seine Kindheit im litauischen Druskininkai,
nahe der polnischen Grenze. Grundlegend für seine musikalische
Ausbildung wurde die Förderung durch den Fürsten
Michal Oginskij. Vor allem in seinen Fugen und Kanons bildet
sich ein polyphoner Kompositionsstil heraus, der in zwei Variationszyklen
für Klavier und Streichquartett erstmals auch außerhalb
der streng polyphonen Gattungen zur Anwendung gelangt. Noch
in Warschau erzielte Ciurlionis 1901 mit der Symphonischen
Dichtung Mike (Im Walde) eine Ehrenauszeichnung in einem
Kompositionswettbewerb. Den ihm angebotenen Direktorposten
der Musikgesellschaft in Lublin lehnte er jedoch ab, um seine
musikalische Ausbildung am Leipziger Konservatorium, das im
europäischen Musikleben immer noch eine bedeutende Stellung
einnahm, zu vollenden. Seine Kompositionslehrer, der inzwischen
76-jährige Carl Reinecke und der ebenfalls bereits betagte
Salomon Jadassohn, bestärkten den Litauer in seiner hohen
Wertschätzung des klassisch-romantischen Werkekanons:
Der streng kontrapunktische Stil sei, so Jadassohn, dem Wandel
der Zeit am wenigsten unterworfen und könne einem Werk
am ehesten Dauer verleihen. Nach Vollendung seiner Studien
1902 nahm Ciurlionis bis Frühjahr 1904 Malunterricht
in der Zeichenklasse von Jan Kauzik in Warschau. Von da an
wandte er sich zwar nicht von der Musik ab, verlegte sein
künstlerisches Schaffen jedoch vorrangig auf die Malerei.
So bildete seine zweite symphonische Dichtung Jura
(Das Meer) für großes Orchester und Orgel auch
seine letzte große Instrumentalkomposition, deren Fertigstellung
von 1903-07 gleichsam zum quälenden Prozeß wurde.
Man mag darüber spekulieren, ob Ciurlionis sich selbst
als Erschaffer großformatiger Instrumentalmusik - der
Musikrichtung also, die Reinecke und Jadassohn als das ranghöchste
im gesamten System der Künste verfochten - mit dem Bildzyklus
Laidotuviu simfonija (Begräbnissymphonie, 1903)
ein monumentales Ende setzte.
Eduard Tubin,
geboren am 18.6.1905, gehört zu den Komponisten, deren
Anerkennung erst posthum einsetzte. Estlands zentraler Symphoniker
ist ein prominentes Opfer der politischen Wirren Estlands
während des 2. Weltkrieges. Als 25-jähriger übernahm
er das Dirigat am renommierten "Vanemuine"-Theater
in Tartu. Das kulturpolitische Umfeld seiner frühen musikalischen
Entwicklung ist gekennzeichnet durch den faschistischen Umsturz
1934, der sowjetischen (1940) und deutschen (1941-44) Besatzung
Estlands, der Rückeroberung durch die rote Armee sowie
der sich anschließenden Deportation, der sich Tubin
durch Flucht nach Schweden entzog, wo er bis zu seinem Tod
1982 wohnhaft blieb. Im sowjetischen Estland waren seine Werke
lange Zeit verboten, so daß die Karriere des Fischersohnes
zum großen Komponisten einen bitteren Beigeschmack erhält.
Tubin hinterließ ein sehr umfangreiches uvre;
seine Meisterschaft offenbart sich in allen Gattungen der
Instrumental-, Vokal- und dramatischen Musik. Neben zwei großen
Opern und mehreren Bühnenmusiken muß vor allem
seiner Instrumentalmusik größter Respekt gezollt
werden. Namentlich seine zehn Sinfonien, entstanden 1931-1971,
spiegeln Tubins künstlerische Entwicklung wider. Im Schatten
der modernistischen sog. schwedischen Montags-Gruppe um Hilding
Rosenberg und Karl-Birger Blomdahl stoß er jedoch auf
Komponisten-Konkurenz, die - im Gegensatz zu Tubin - über
eine einflußreiche Lobby verfügte. Tubin hingegen
verbuchte allenfalls Achtungserfolge und mußte immer
wieder Stellen als Chordirigent, Kopist oder Arrangeur alter
Musik annehmen. Das 1948 entstandene, selten gespielte Konzert
für Kontrabaß und Orchesterwerk gehört einer
ungewöhnlichen Gattung an, in der sich Virtuosität
und symphonische Konzeption ebenso gleichwertig gegenüberstehen
sollen wie Orchester und Solist. Die bevorzugte tiefe Lage
des Kontrabasses aber schränkt den Komponisten in der
Behandlung des Orchesters ein, da in den kulminierenden Passagen,
die im Zusammenspiel von Solist und Orchester vorgetragen
werden, der Solist akkustisch nur schwer wahrnehmbar ist.
Deshalb ist es immer wieder besonders spannend, gerade Tubins
Lösung der Gattung zu verfolgen, dessen glühend-bedrohliche
Tonsprache dem klanglichen Charakter des Kontrabaßes
entgegenkommt.
Santa Ratniece,
geb. 1977, erhielt als lettische, mehrfach preisgekrönte
Nachwuchskomponistin einen Kompositionsauftrag von der Deutsch-Skandinavischen
Jugend-Philharmonie, der an Musorgskijs Bildern einer Ausstellung
anknüpfen sollte. Mit Glittering Promenade entstand ein
Werk für großes Orchester, das die Komponistin
in eigenen, poetischen Reflektionen beschreibt:
Am Anfang bloß schummriges Scheinen, der Fluß
von Licht, plötzlich durchbrochen von einer Explosion
blendenden Strahlens / Nur Lichtglitzer, aber herausgezögert
durch Glimmern und Glühen von Licht und Klängen
/ "Schimmer im Licht" transferiert den kurzen Moment
in die Ewigkeit / Streicherklänge, um die Endlosigkeit
des Lichts zu reflektieren, daß sie niemals erlöschen
/ Celesta, Harfe, Crotales, Becken, Triangel, Tamtam, um die
Brillanz des Lichts zu kreieren / Je tiefer das Register,
umso gedrückter der Fluß des Lichts: Die Atmosphäre
von Musorgskijs Bilder einer Ausstellung durch die Andeutung
der Katakomben.
Klangteppiche, gekennzeichnet durch Vierteltönigkeit,
mit Bögen gestrichene Perkussionsinstrumente sowie dynamische
Wallungen sind die Stilmittel, die Ratniece als Komponistin
mikro-organisierter Musik zeigen. Insbesondere jedoch die
Stille bildet für sie den Ausgangspunkt jeder Musik:
Silence evokes a change in tuning, it is not a definit
hue but rather like evanescent nacre, it is a world of musical
tone, where impossibilities often unite to give birth to something
new.
Modest Petrevic Musorgskijs,
geboren 1839, Bilder einer Ausstellung flankieren den
diesjährigen Programmschwerpunkt der Musik des Baltikums.
Aufgeführt wurde die wohl berühmteste Komposition,
die im Zusammenhang mit bildender Kunst steht. Musorgskijs
Name lebt vor allem durch zwei Werke: die 1868/69 komponierte
Oper "Boris Godunov" und den 1874 entstandenen Klavierzyklus,
der zu etlichen Orchestrationen Anreiz gegeben hat. Die "Bilder
einer Ausstellung" entstanden, nachdem Musorgskij eine
Ausstellung mit Bildern seines im Vorjahr verstorbenen Freundes
und Malers Viktor Hartmann gesehen hatte. Gegenüber den
kleinformatigen und skizzenhaften Bildern scheint die Musik
beinahe überdimensional. Musorgskij Absicht lag dabei
nicht darin, die vorgegebenen Bilder in die Sprache der Musik
zu übersetzen, eine Aufgabe, die schon aufgrund der Abstraktionsfähigkeit
der Musik nicht eindeutig lösbar ist. Vielmehr nimmt
er sie als Anlaß, um - analog Mendelssohns Liedern ohne
Worte - musikalische Bilder zu schaffen. Durch die konsequente
Nichtbeachtung herkömmlicher Regeln der Formbildung und
Harmonik erreicht Musorgskij eine geradezu szenische Anschaulichkeit.
Zehn Stücke dieses ganz und gar neuartigen Klavierzyklus
tragen den Namen der Bilder; die Einleitung und die vier Zwischenspiele
mit der Überschrift "Promenade" hingegen zeigen
den Komponisten, wie er sich von einem Bild zum anderen wendet.
Im Zyklus der Komposition haben sie eine verbindende Funktion,
bilden jedoch auch einen eigenen Kompositionsstrang, der am
ehesten als Variationsreihe bezeichnet werden kann. Die unterschiedlichen
Versionen sind dabei so eingerichtet, daß sie jeweils
einen Nachhall des vorausgehenden Stückes wiedergeben.
Gleichzeitig werden Tonart und Charakter der folgenden Bilder
vorbereitet, so daß auch die Promenade selbst in einem
jeweils neuen Licht dargestellt wird.
[Axel Bruch]
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