DEMATON · Medienbüro für Musikkultur
 
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Peter Doss / Barbara Moser
Franz Schubert: Winterreise
Peter Doss: Bariton · Barbara Moser: Klavier


Katalognummer: DT-04319

Erscheinungsjahr: 2004

Preis: € 19,90

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  1. Gute Nacht
  2. Die Wetterfahne
  3. Gefror'ne Tränen
  4. Erstarrung
  5. Der Lindenbaum
  6. Wasserflut
  7. Auf dem Flusse
  8. Rückblick
  9. Irrlicht
  10. Rast
  11. Frühlingstraum
  12. Einsamkeit
  13. Die Post
  14. Der greise Kopf
  15. Die Krähe
  16. Letzte Hoffnung
  17. Im Dorfe
  18. Der stürmische Morgen
  19. Täuschung
  20. Der Wegweiser
  21. Das Wirtshaus
  22. Mut
  23. Die Nebensonnen
  24. Der Leiermann
Aus dem Booklet:

Gedanken zur Winterreise:
Eine Darbietung dieses unvergleichlichen Werkes, von Benjamin Britten als ein Höhepunkt europäischer Musik bezeichnet, bedarf keiner besonderen Erläuterung, Große Musik spricht immer für sich selbst. Alle sich den Interpreten aufdrängenden Gedanken, die im Zuge der Beschäftigung mit diesem Liederzyklus zunächst als Erkenntnisse erscheinen, entpuppen sich schon bald als bereits vielfach vorgedacht und vorempfunden. Was bleibt, ist weniger die Zerknirschung über das Vorhnandensein ebensolcher Gedanken, als vielmehr über den Glauben, sie seien für die persönliche Interpretation von Wichtigkeit. Und es bleibt die Sehnsucht und Furcht vor Identifikation und die überwältigende Größe einer Musik, für deren Wiedergabe es immer zu früh wie auch zu spät erscheint.
Keinesfalls sollte man die Sprache Wilhelm Müllers, an der sich Franz Schubert mit der Winterreise bereits zum zweiten Mal entflammte, geringschätzen. In ihrer Phantastik und Vielfalt an poetischen Symbolen wie der Wetterfahne, Irrlicht oder Wegweiser liefert sie dem Komponisten dem Stimmungsboden und die Szenerie für eine nach äußerster Tiefe strebende Musik.
Der nur schemenhaft erkennbare "Held" der Geschichte kommuniziert längst nicht mehr mit Menschen. Der zugefrorene Fluß, die Krähe, der Friedhof und die Vision des Leiermannes sind seine angesprochenen Gegenüber. Der Weg führt in die Agonie, in den Wahnsinn und in die Auswegslosigkeit.
In der Verbindung mit Schuberts Musik wird der Stoff ins Metaphysische und ins Zeitlose transferiert. Das Einzelschicksal wird zum Mensch­heits­schicksal. Die Gefahr für den sensiblen, "tödlich schwerverletzten" Jüngling wird zur allgegenwärtigen Bedrohung des Feinnervlichen durch alles Grobstoffliche.
Die 24 Stationen einer Reise ins Nichts betreffen uns alle...
Ist es unerschütterlicher menschlicher Optimismus oder das Wunder Schubertscher Musik, wenn man hinter dem Nichts noch immer Hoffnung zu spüren meint?

[Peter Doss]


Es ist Schnee gefallen. Nach Mitternacht verläßt du betrunken vom purpurnen Wein den dunklen Bezirk der Menschen, die rote Flamme ihres Herdes. O die Finsternis!
Schwarzer Frost. Die Erde ist hart, nach Bitterem schmeckt die Luft. Deine Sterne schließen sich zu bösen Zeichen. Mit versteinerten Schritten stampfst du am Bahndamm hin, mit runden Augen, wie ein Soldat, der eine schwarze Schanze stürmt. Avanti! Bitterer Schnee und Mond!
Ein roter Wolf, der einen Engel würgt. Deine Beine klirren schreitend wie blaues Eis und ein Lächeln voll Trauer und Hochmut hat dein Antlitz versteinert und die Stirne erbleicht vor der Wollust des Frostes; oder sie neigt sich schweigend über den Schlaf eines Wächters, der in seiner hölzernen Hütte hinsank. Frost und Rauch. Ein weißes Sternenhemd verbrennt die tragenden Schultern und Gottes Geier zerfleischen dein metallenes Herz.
O der steinerne Hügel. Stille schmilzt und vergessen der kühle Leib im silbernen Schnee hin.
Schwarz ist der Schlaf. Das Ohr folgt lange den Pfaden der Sterne im Eis.
Beim Erwachen klangen die Glocken im Dorf. aus dem östlichen Tor trat silbern der rosige Tag. "Winternacht" (Georg Trackl)


"..................Der große und geheime Schmerz, der die Natur durchzittert, der ahnen mag ein blutend Herz, den die Verzweiflung wittert, doch nicht erreicht.................."
aus "Der traurige Mönch"(Nikolaus Lenau)

Die "Winterreise" op. 89 (D 911) zählt neben der "Schönen Müllerin" op. 25 (D 795) heute zu den bekanntesten Liederzyklen. Schuberts Freundeskreis reagierte zunächst jedoch eher skeptisch und zeigte sich von den Gesängen irritiert. Franz von Schober, dem lediglich der "Lindenbaum" (Nr. 5) gefiel (bezeichnenderweise ging gerade dieses Lied in Friedrich Silchers Bearbeitung für Männerchor in das deutsche Volksliedgut ein), entgegnete Schubert - so jedenfalls in der Erinnerung Josef von Spauns: "Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden euch auch noch gefallen." Es war vor allem der düstere Tonfall der Gesänge, der die Freunde irritierte, zumal schon der Text durch die Person des Wanderers einem zu jener Zeit in intellektuellen Kreisen verbreiteten Weltschmerzgedanken entsprach - nicht verwunderlich angesichts der nach dem Wiener Kongress einsetzenden Restauration der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und der von ihr ausgeübten strengen Zensur. Ein damit verbundener Rückzug ins Private spiegelt sich im Aufblühen der biedermeierlichen Dichtung mit mehr oder weniger verschlüsselten Anspielungen auf die politische und gesellschaftliche Situation und des "intimen", klavierbegleiteten Sololiedes wider. Vor diesem Hintergrund begann sich zu jener Zeit der Liederzyklus zu etablieren, eine in sich geschlossene Folge von Gesängen, für den vor allem zwei Dinge charakteristisch sind: eine quasi narrative Struktur der Textvorlage (zumindest ein gedanklicher Zusammenhang der einzelnen Lieder) - entweder vom Dichter konzipiert oder erst vom Komponisten geschaffen - und musikalische Bezüge der einzelnen Stücke untereinander, die durch bestimmte tonartliche Beziehungen oder motivische Verwandtschaft (dazu gehört schon die häufige Wiederkehr eines Seufzermotivs) hergestellt werden, sowie eine spezifische Schlussbildung.

Wie wichtig Schubert die zyklische Idee der "Winterreise" gewesen sein muß, zeigt ihr komplexer Entstehungsprozess, der auch die Dichtung einschließt: So publizierte Wilhelm Müller (1794-1827), wegen seiner graecophilen Lieder auch als "Griechen-Müller" bekannt, 1823 zunächst nur einen Zyklus unter dem Titel "Die Winterreise. In 12 Liedern" und dachte dabei offenbar schon an eine spätere Vertonung: "[…] wenn ich dichte, so sing' ich doch und spiele auch. […] es kann sich ja eine gleichgestimmte Seele finden, die die Weise aus den Worten heraushorcht und sie mir zurückgiebt." Eine 22 Nummern zählende Version seiner "Winterreise" erschien bereits wenig später; die nochmals um zwei Gedichte erweiterte letzte Fassung veröffentlichte Müller 1824 im zweiten Band seiner Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten. Lieder des Lebens und der Liebe. In den beiden späteren Textfassungen ist die Reihenfolge der Gedichte verändert - ein Problem für Schubert, der zunächst offensichtlich nur die erste Version kannte, als er diese vertonte (begonnen vermutlich im Februar 1827). Erst danach (im Herbst 1827) wurde er auf den vollständigen Zyklus der Müllerschen Gedichte aufmerksam. Da Schubert allerdings seine bereits vorliegenden zwölf Lieder aus musikalischen Gründen nicht mehr auseinanderreißen wollte, stellte er aus den übrigen Dichtungen ein zweites Heft zusammen. Auch wenn er dabei die vom Dichter intendierte Handlung verschleierte, war durch die gebrochene Erzählweise, durch Rückblenden und Vorwegnahmen, eine neue psychologisierende Ebene gewonnen - die einzige Möglichkeit für Schubert, sein musikalisches Konzept beizubehalten. Für die zweite Abteilung ließ er die bereits vertonten Gedichte aus und vertauschte abweichend von Müllers Abfolge nur "Die Nebensonnen" (Nr. 23) mit "Mut" (Nr. 22). Die ersten sieben Lieder des zweiten Teils kommentieren den ersten, bevor der einsame Wanderer seinen Weg mit dem "Wegweiser" (Nr. 20) fortsetzt. Obwohl Schubert demnach eine klare Vorstellung von der Komposition hatte, erschienen die beiden Hefte des Werkes mit einigem zeitlichen Abstand voneinander. Während die ersten zwölf Lieder im Januar 1828 bei Tobias Haslinger in Wien gedruckt wurden, verzögerte sich die Herausgabe des im Oktober 1827 entstandenen zweiten Teils. Sie erfolgte erst wenige Wochen nach Schuberts Tod, Ende Dezember 1828.

Tonaler Bezugspunkt des Zyklus' ist im Originaldruck d-Moll. Terzverwandtschaften, die Stimmungsbrüche veranschaulichen, spielen neben Quintbeziehungen bei der Wahl der Tonarten für die einzelnen Lieder eine große Rolle, ebenso der ihnen jeweils zugeordnete Affektgehalt. Die mitunter komplexe Harmonik steht hier im Gegensatz zur einfachen Liedform. Am Ende der Reise, im "Leiermann" (Nr. 24), wenn Entfremdung und Leere den Wanderer umgeben, kommt diese auch im archaischen Quintklang zum Stehen. Der Zyklus schließt mit der Frage: "Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?" - aber eine Antwort bleibt aus.

[Almut Jedicke]

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