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Gedanken zur Winterreise:
Eine Darbietung dieses
unvergleichlichen Werkes, von Benjamin Britten als ein Höhepunkt
europäischer Musik bezeichnet, bedarf keiner besonderen
Erläuterung, Große Musik spricht immer für
sich selbst. Alle sich den Interpreten aufdrängenden
Gedanken, die im Zuge der Beschäftigung mit diesem Liederzyklus
zunächst als Erkenntnisse erscheinen, entpuppen sich
schon bald als bereits vielfach vorgedacht und vorempfunden.
Was bleibt, ist weniger die Zerknirschung über das Vorhnandensein
ebensolcher Gedanken, als vielmehr über den Glauben,
sie seien für die persönliche Interpretation von
Wichtigkeit. Und es bleibt die Sehnsucht und Furcht vor Identifikation
und die überwältigende Größe einer Musik,
für deren Wiedergabe es immer zu früh wie auch zu
spät erscheint.
Keinesfalls sollte man die Sprache Wilhelm Müllers, an
der sich Franz Schubert mit der Winterreise bereits zum zweiten
Mal entflammte, geringschätzen. In ihrer Phantastik und
Vielfalt an poetischen Symbolen wie der Wetterfahne, Irrlicht
oder Wegweiser liefert sie dem Komponisten dem Stimmungsboden
und die Szenerie für eine nach äußerster Tiefe
strebende Musik.
Der nur schemenhaft erkennbare "Held" der Geschichte
kommuniziert längst nicht mehr mit Menschen. Der zugefrorene
Fluß, die Krähe, der Friedhof und die Vision des
Leiermannes sind seine angesprochenen Gegenüber. Der
Weg führt in die Agonie, in den Wahnsinn und in die Auswegslosigkeit.
In der Verbindung mit Schuberts Musik wird der Stoff ins Metaphysische
und ins Zeitlose transferiert. Das Einzelschicksal wird zum
Menschheitsschicksal. Die Gefahr für den
sensiblen, "tödlich schwerverletzten" Jüngling
wird zur allgegenwärtigen Bedrohung des Feinnervlichen
durch alles Grobstoffliche.
Die 24 Stationen einer Reise ins Nichts betreffen uns alle...
Ist es unerschütterlicher menschlicher Optimismus oder
das Wunder Schubertscher Musik, wenn man hinter dem Nichts
noch immer Hoffnung zu spüren meint?
[Peter Doss]
Es ist Schnee gefallen. Nach Mitternacht verläßt
du betrunken vom purpurnen Wein den dunklen Bezirk der Menschen,
die rote Flamme ihres Herdes. O die Finsternis!
Schwarzer Frost. Die Erde ist hart, nach Bitterem schmeckt
die Luft. Deine Sterne schließen sich zu bösen
Zeichen. Mit versteinerten Schritten stampfst du am Bahndamm
hin, mit runden Augen, wie ein Soldat, der eine schwarze Schanze
stürmt. Avanti! Bitterer Schnee und Mond!
Ein roter Wolf, der einen Engel würgt. Deine Beine klirren
schreitend wie blaues Eis und ein Lächeln voll Trauer
und Hochmut hat dein Antlitz versteinert und die Stirne erbleicht
vor der Wollust des Frostes; oder sie neigt sich schweigend
über den Schlaf eines Wächters, der in seiner hölzernen
Hütte hinsank. Frost und Rauch. Ein weißes Sternenhemd
verbrennt die tragenden Schultern und Gottes Geier zerfleischen
dein metallenes Herz.
O der steinerne Hügel. Stille schmilzt und vergessen
der kühle Leib im silbernen Schnee hin.
Schwarz ist der Schlaf. Das Ohr folgt lange den Pfaden der
Sterne im Eis.
Beim Erwachen klangen die Glocken im Dorf. aus dem östlichen
Tor trat silbern der rosige Tag. "Winternacht"
(Georg Trackl)
"..................Der große und geheime Schmerz,
der die Natur durchzittert, der ahnen mag ein blutend Herz,
den die Verzweiflung wittert, doch nicht erreicht.................."
aus "Der traurige Mönch"(Nikolaus
Lenau)
Die "Winterreise" op.
89 (D 911) zählt neben der "Schönen Müllerin" op. 25
(D 795) heute zu den bekanntesten Liederzyklen. Schuberts
Freundeskreis reagierte zunächst jedoch eher skeptisch und
zeigte sich von den Gesängen irritiert. Franz von Schober,
dem lediglich der "Lindenbaum" (Nr. 5) gefiel (bezeichnenderweise
ging gerade dieses Lied in Friedrich Silchers Bearbeitung
für Männerchor in das deutsche Volksliedgut ein), entgegnete
Schubert - so jedenfalls in der Erinnerung Josef von Spauns:
"Mir gefallen diese Lieder mehr als alle, und sie werden
euch auch noch gefallen." Es war vor allem der düstere
Tonfall der Gesänge, der die Freunde irritierte, zumal schon
der Text durch die Person des Wanderers einem zu jener Zeit
in intellektuellen Kreisen verbreiteten Weltschmerzgedanken
entsprach - nicht verwunderlich angesichts der nach dem Wiener
Kongress einsetzenden Restauration der österreichisch-ungarischen
Doppelmonarchie und der von ihr ausgeübten strengen Zensur.
Ein damit verbundener Rückzug ins Private spiegelt sich im
Aufblühen der biedermeierlichen Dichtung mit mehr oder weniger
verschlüsselten Anspielungen auf die politische und gesellschaftliche
Situation und des "intimen", klavierbegleiteten Sololiedes
wider. Vor diesem Hintergrund begann sich zu jener Zeit der
Liederzyklus zu etablieren, eine in sich geschlossene Folge
von Gesängen, für den vor allem zwei Dinge charakteristisch
sind: eine quasi narrative Struktur der Textvorlage (zumindest
ein gedanklicher Zusammenhang der einzelnen Lieder) - entweder
vom Dichter konzipiert oder erst vom Komponisten geschaffen
- und musikalische Bezüge der einzelnen Stücke untereinander,
die durch bestimmte tonartliche Beziehungen oder motivische
Verwandtschaft (dazu gehört schon die häufige Wiederkehr eines
Seufzermotivs) hergestellt werden, sowie eine spezifische
Schlussbildung.
Wie wichtig Schubert die zyklische Idee der "Winterreise"
gewesen sein muß, zeigt ihr komplexer Entstehungsprozess,
der auch die Dichtung einschließt: So publizierte Wilhelm
Müller (1794-1827), wegen seiner graecophilen Lieder auch
als "Griechen-Müller" bekannt, 1823 zunächst nur einen Zyklus
unter dem Titel "Die Winterreise. In 12 Liedern" und
dachte dabei offenbar schon an eine spätere Vertonung: "[…]
wenn ich dichte, so sing' ich doch und spiele auch. […] es
kann sich ja eine gleichgestimmte Seele finden, die die Weise
aus den Worten heraushorcht und sie mir zurückgiebt."
Eine 22 Nummern zählende Version seiner "Winterreise" erschien
bereits wenig später; die nochmals um zwei Gedichte erweiterte
letzte Fassung veröffentlichte Müller 1824 im zweiten Band
seiner Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden
Waldhornisten. Lieder des Lebens und der Liebe. In den
beiden späteren Textfassungen ist die Reihenfolge der Gedichte
verändert - ein Problem für Schubert, der zunächst offensichtlich
nur die erste Version kannte, als er diese vertonte (begonnen
vermutlich im Februar 1827). Erst danach (im Herbst 1827)
wurde er auf den vollständigen Zyklus der Müllerschen Gedichte
aufmerksam. Da Schubert allerdings seine bereits vorliegenden
zwölf Lieder aus musikalischen Gründen nicht mehr auseinanderreißen
wollte, stellte er aus den übrigen Dichtungen ein zweites
Heft zusammen. Auch wenn er dabei die vom Dichter intendierte
Handlung verschleierte, war durch die gebrochene Erzählweise,
durch Rückblenden und Vorwegnahmen, eine neue psychologisierende
Ebene gewonnen - die einzige Möglichkeit für Schubert, sein
musikalisches Konzept beizubehalten. Für die zweite Abteilung
ließ er die bereits vertonten Gedichte aus und vertauschte
abweichend von Müllers Abfolge nur "Die Nebensonnen" (Nr.
23) mit "Mut" (Nr. 22). Die ersten sieben Lieder des zweiten
Teils kommentieren den ersten, bevor der einsame Wanderer
seinen Weg mit dem "Wegweiser" (Nr. 20) fortsetzt. Obwohl
Schubert demnach eine klare Vorstellung von der Komposition
hatte, erschienen die beiden Hefte des Werkes mit einigem
zeitlichen Abstand voneinander. Während die ersten zwölf Lieder
im Januar 1828 bei Tobias Haslinger in Wien gedruckt wurden,
verzögerte sich die Herausgabe des im Oktober 1827 entstandenen
zweiten Teils. Sie erfolgte erst wenige Wochen nach Schuberts
Tod, Ende Dezember 1828.
Tonaler Bezugspunkt des Zyklus' ist im Originaldruck d-Moll.
Terzverwandtschaften, die Stimmungsbrüche veranschaulichen,
spielen neben Quintbeziehungen bei der Wahl der Tonarten für
die einzelnen Lieder eine große Rolle, ebenso der ihnen jeweils
zugeordnete Affektgehalt. Die mitunter komplexe Harmonik steht
hier im Gegensatz zur einfachen Liedform. Am Ende der Reise,
im "Leiermann" (Nr. 24), wenn Entfremdung und Leere den Wanderer
umgeben, kommt diese auch im archaischen Quintklang zum Stehen.
Der Zyklus schließt mit der Frage: "Willst zu meinen Liedern
deine Leier drehn?" - aber eine Antwort bleibt aus.
[Almut Jedicke]
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