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Ludwig Tieck 1773-1853:
Bewahrer und Wegbereiter
Der erste und einflußreichste
Dichter der Frühromantik, der mit Novalis und den Brüdern
Schlegel die sogenannte Jenaer Romantik bildete, schuf Dramen,
Romane, Novellen und Lyrik, aber auch "Volksmärchen",
die u.a. "Die Schöne Magelone" enthalten. Diese
Sammlung von unterschiedlichen Dichtungen sind Nachschöpfungen
der (später) sogenannten Volksbücher aus dem 16
Jahrhundert, die ihrerseits wieder auf meist fremdsprachige
Vorlagen aus dem 15. Jahrhundert (Heldensagen, Ritterromane,
antike oder orientalischen Erzählungen) zurückgehen.
Diese waren ursprünglich für eine gebildete Gesellschaftsschicht
bestimmt, wurden aber nach Erfindung der Buchdruckerkunst
zu verbreiteten "Groschenromanen" und galten im
aufgeklärten Deutschland mit ihrer naiven Frömmigkeit,
Lieblichkeit und anspruchslosen Schönheit als nicht zeitgemäß.
Eine "Rehabilitierung" dieser Volksbücher,
wie sie Tieck anstrebte, gelang nur durch sprachliche Modernisierung
und auch inhaltliche Veränderung. So wird der ausgeprägte
christliche Charakter der ursprünglichen schönen
Magelone durch einen romantischen Ton überlagert: Eine
geheimnisvolle Natur kommuniziert mit den Menschen, und Graf
Peter von Provence erscheint - wenn auch äußerlich
als tatkräftiger Ritter - vor allem als ein in sich gekehrter
Träumer, der gleich einem romantischen Dichter von unbestimmten
Ahnungen getrieben wird.
Merkmale wie mittelalterlicher Hintergrund, phantastische
Ereignisse, stimmungsvolle Nautrschilderungen und lyrische
Einlangen, bestimmen die Entwicklung der Deutschen Romantik
mit und beeinflußten maßgeblich Armin, Brentano,
Eichendorff, Hoffmann und Fouque - und der Dichter schenkte
einem literarisch hochgebildeten Komponisten, einem unermüdlich
nach "komponierbarem" Forschenden, die Textvorlage
zu einem Empfindungstiefen und anspruchsvollen Liederzyklus
von unüberbietbarer musikalischer und emotionaler Spannweite.
Opus 33 von Johannes Brahms: Ritterliche, romantische und
hymnische "Liederarien"
Kantaten- und opernhafte Gesänge neben volksliedhaft
Zartem, Malerischem, gallopierende Rhythmen, vollgriffiger
Klaviersatz, Variationstechniken, freie Stophenreihung und
nicht zuletzt eine in Tristan-Nähe getriebene Harmonik:In
allem erweist sich die "Schöne Magelone" als
echter Brahms - sie stehen an emotionaler Spannweite und melodischer
Erfindung den großen Schubert Zyklen um nichts nach.
Wenn auch der musikalische Entwurf nach einer unmittelbaren
Abfolge der Stücke verlangt, so erschließt sich
der Sinn der Gedichte doch nur, wenn man diese in ihren ursprünglichen
Kontext zurückgibt. Allein dieses Argument des besseren
Verständnisses mag eine "Gesamtdarstellung"
wie bei der vorliegenden CD rechtfertigen. Der Komponist hatte
eine solche keinesfalls beabsichtigt und tolerierte diesbezügliche
Aufführungsversuche - nicht ohne sie mit rüden Worten
zu kommentieren.
Die vorwiegend in B-Tonarten komponierten Romanzen, (Es-Dur,bzw
C-Dur für die tiefere Stimmlage als heroische Eröffnungstonart)
weisen musikalisch eine starke innere Verknüpfung auf:
Der ritterliche Beginn wechselt in Wehmütiges und Sehnsüchtige,
Jubelndes und Ungeduldiges, mündet in Verzweiflung und
endet mit einer bejahenden Rückbeziehung auf den Beginn.
Um die musikalische Kontinuität nicht durch allzulange
Rezitationsabschnitte zu unterbrechen und um wenigstens einmal,
dort wo die unmittelbare Abfolge zweier Lieder (V und VI)
am zwingendsten erscheint, die packende Steigerung der dramatischen
Kraft nicht zu schmälern, schien mir eine - wie ich hoffe
mit Bedachtsamkeit vorgenommene - Kürzung und eine winzige
inhaltliche Straffung unumgänglich zu sein. [Peter Doss]
Johannes Brahms: Romanzen aus
Tiecks "Magelone" op. 33
Die Romanzen aus Tiecks "Magelone" op. 33 von Johannes
Brahms bilden einen eigenständigen Liederzyklus, der
den Vergleich mit den Zyklen von Franz Schubert und Robert
Schumann nicht zu scheuen braucht. Dennoch hat dieses Werk
nicht die Popularität einer "Winterreise",
"Schönen Müllerin", oder "Dichterliebe"
erreicht, was an der Wahl des Textes, an der verwickelten
Entstehungsgeschichte, sowie nicht zuletzt am hohen Schwierigkeitsgrad
der Komposition liegen mag. Die Entstehung der Magelone-Romanzen
ist dem Umstand zu verdanken, das Brahms 1856 den Bariton
Julius Stockhausen (1826-1906) kennen lernte. Er galt in seiner
Zeit als einer der größten Lied- und Oratoriensänger.
Bereits zwei Wochen nach ihrem ersten Treffen konzertierten
Brahms und Stockhausen zusammen und schon bald verband sie
eine lebenslange Freundschaft. Im Jahre 1861 brachten Julius
Stockhausen und Johannes Brahms als sein Klavierbegleiter
in kurzer Zeit gleich drei Liederzyklen zur Aufführung:
"An die ferne Geliebte" von Ludwig van Beethoven,
"Dichterliebe" von Robert Schumann und "Die
schöne Müllerin" von Franz Schubert.
Durch die intensive Beschäftigung mit diesen Werken -
so der Brahms-Biograph Max Kalbeck - könnte Brahms auf
den Gedanken gekommen sein, einen eigen Zyklus von Liedern
zu komponieren. Die Wahl des Textdichters fiel auf Ludwig
Tieck (1773-1853), dessen "Liebesgeschichte der schönen
Magelone und des Grafen Peter von Provence" Brahms in
einer Frühfassung schon seit 1854 kannte, wie eine eigenhändige
Zitatensammlung beweist. Tieck studierte Theologie, Philosophie
und Literatur in Halle und Göttingen. Er gehörte
zu dem Kreis der Frühromantiker in Jena. Bekannt ist
er heute auch besonders durch die Herausgabe von Schriften
seines früh verstorbenen Freundes Wilhelm Heinrich Wackenroder.
(Die Textgrundlage für die Magelone-Erzählung stammt
vom deutschen Erstdruck des Volksbuchs "Die schöne
Magelona" aus dem Jahr 1535 ab. Tieck bearbeitete die
Vorlage im romantischen Sinne, unterteilte sie in 17 Abschnitte
und fügte jeweils ein Lied ein, das die Gedanken- und
Gefühlwelt der jeweiligen Personen darstellen sollte.
Diese Lieder entnahm Brahms dem Tieck´schen Text und
begann 1861 mit der Vertonung. Bis Mai 1862 hatte er die Lieder
1-6 und 13 vertont und bemühte sich um die Drucklegung.
Die ersten sechs Magelone-Romanzen wies der Verlag Breitkopf
& Härtel jedoch ab. In einem Brief an Brahms heißt
es:
"Nur
wenn der Komponist, abgesehen von dem Geiste seiner Dichtung,
bei Liedern auch dahin strebt, daß sie sangbar sind
und nicht sonst große Schwierigkeiten bieten, nur dann,
die gute Wahl der Texte vorausgesetzt, ist es dem Verleger
möglich, mit Liedern überhaupt nur geschäftlich
durchzukommen."
Brahms wandte sich daraufhin an den
Verlag Rieter - Biedermann, wo die ersten sechs Lieder in
zwei Heften 1865 erschienen. Zwischen der Vertonung der ersten
Romanzen und der Vollendung des gesamten Zyklus liegen 8 Jahre:
Die letzten beiden Romanzen schrieb der Komponist 1869, woraufhin
im selben Jahr die restlichen drei Hefte zu je drei Liedern
gedruckt wurden (insgesamt vertonte Brahms 15 der 17 Lieder
aus Tiecks Magelone-Erzählung). Warum dieser lange Zeitraum
zwischen Beginn und Fertigstellung des Werkes liegt, kann
nur gemutmaßt werden. Immerhin beschäftigte sich
Brahms in der Zwischenzeit unter anderem mit der Komposition
des "Deutschen Requiems". Der gesamte Zyklus ist
Julius Stockhausen gewidmet, der auch an der Uraufführung
einiger Magelone-Romanzen beteiligt war. Die Geschichte der
öffentlichen Erstaufführungen der einzelnen Lieder
gestaltet sich als kompliziert. Die Romanzen wurden zumeist
einzeln erstaufgeführt, was nicht zuletzt an der ungewöhnlichen
Publikationsgeschichte lag. Insgesamt wurden die Romanzen
aus Ludwig Tiecks Magelone vom Publikum mit Begeisterung aufgenommen.
Ein Rezensent der Neuen Zeitschrift für Musik urteilt
über ein von Stockhausen und Brahms gegebenes Konzert
in Berlin , in dem auch einige der Romanzen aufgeführt
wurden, wie folgt:
"Für
den Vortrag der Brahms´schen Romanzen sind wir dem Sänger
besonderen Dank schuldig. Diese Romanuen (...) zeigen den
Componisten in der ganzen reichen Tiefe seines Empfindens
und Schaffens, und zeigen ihn zugleich von seiner anmuthigen
Seite. (...) Stockhausen sang die beiden genannten mit sichtlicher
Wärme und diese übertrug sich auch auf die Hörer."
Die Idee, die Romanzen aus Ludwig
Tiecks Magelone - wie auf dieser CD - mit den Texten von Tieck
als gesprochene Verbindung der einzelnen Lieder aufzuführen,
stammt nicht von Brahms selbst. Allerdings kann heutzutage
kaum davon ausgegangen werden, daß der Inhalt der Tieck´schen
Magelone-Erzählung bekannt ist. Die bis dato früheste
bekannte öffentliche Aufführung des gesamten Zyklus
verwendet jedenfalls gesprochene Texte, wie ein Rezensent
der Zeitschrift Signale für die die musikalische Welt
1897 zu berichten weiß:
" Im Künstlerconcert
in Königsberg brachte Herr Raimund von Zur-Mühlen
kürzlich den Magelonen Cyclus von Brahms vollständig
zu Gehör, und zwar mit einem die fünfzehn Gesänge
verbindenden Text, den Hans Schmidt nach der Tieck´schen
Novelle von der ,Schönen Magelone´ gedichtet hat.
Der Eindruck dieses Cyclus in dieser neuen Gestalt war auf
die Hörer ein tiefer und nachhaltiger."
[Claus Woschenko]
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