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Edvard Grieg
war mit der Arbeit an Ibsens Drama trotz großer Freiheiten
nicht sonderlich glücklich. Zahlreiche Briefzitate lassen
erahnen, wie quälend der Kompositionsprozess gewesen
sein muss. Grieg begann mit den Arbeiten im Sommer 1874, doch
noch im August berichtet er seinem engen Freund Frants Beyer:
"Mit Peer Gynt' geht es sehr langsam voran. Das
Thema ist furchtbar ungefügig. Darüber hinaus habe
ich etwas zu In der Halle des Bergkönigs' geschrieben.
Das anzuhören kann ich aber selbst nicht ertragen, denn
es klingt derart nach Kuhmist, nach Norwegertum und Sich-selbst-genug-Sein!
Ich erwarte aber auch, dass die Ironie gefühlt werden
kann." Ein halbes Jahr später schreibt er an den
norwegischen Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson:
"Mit Peer Gynt' ging es, wie Du prophezeit hattest
- er liegt immer noch wie ein Alptraum auf mir, und ich werde
ihn kaum vor dem Frühling aus der Hand geben können.
Es war Geldnot, oder richtiger, es war das Geldangebot, das
mich getrieben hat, und das hätte nicht sein dürfen."
Trotzdem vollendete Grieg die Partitur. Die Uraufführung
am 24. Februar 1876 in Christiania (Oslo) war ein Triumph-
allein im Frühjahr 1876 wurde Peer Gynt 36mal aufgeführt.
Griegs Peer Gynt-Musik bildete die Grundlage für den
Weltruhm des Komponisten. Dies bezeugen nicht nur die beiden
Peer Gynt-Suiten, die Grieg 1888 und 1890 herausgeben ließ.
Kurz nach der Jahrhundertwende begann Ibsens Drama mit Griegs
Musik auch außerhalb Skandinaviens seinen Siegeszug.
Eduard Hanslick bemerkte nach einer Aufführung der 1.
Peer Gynt-Suite, Ibsens Drama werde wohl nur durch Griegs
Musik weiterleben, da die Musik in jedem der Sätze mehr
Poesie und Kunstverstand enthalte, als es in Ibsens fünf
Akten Ungeheuer gebe. In Berlin wurden die Suiten vor dem
zweiten Weltkrieg mehr als tausendmal aufgeführt.
Alfred Schnittke ging es in
der kompositorischen Umsetzung des Peer Gynt-Stoffes als Ballettmusik
darum, ein im symphonischen Sinne zyklisches Werk zu schaffen.
Die 1985-87 entstandene Ballettmusik vollzieht sich innerhalb
von vier Kreisen, die aneinen viersätzigen Zyklus einer
Symphonie erinnern. Der erste Kreis, gleichzeitig der erste
Akt der Ballettinszenierung, behandelt Peers Zeit in Norwegen
und umfasst folglich die ersten drei Akte von Ibsens Drama.
Insgesamt ist er relativ anekdotisch gehalten und erzählt
analog dem Drama. Der zweite Kreis des Balletts entspricht
Ibsens viertem Akt, also Peers Reise in die Welt. Während
der erste Kreis eine reale Welt beschreibt, stellt der zweite
Kreis eine Scheinwelt dar - laut Neumeier eine Reise in den
Wahnsinn, der in der Irrenhausszene kulminiert. In der Komposition
des zweiten Kreises nimmt sich Schnittke die größten
Freiheiten gegenüber Ibsen heraus. Der dritte Kreis hingegen
ist retrospektiv und dabei wieder eng an Ibsens Drama angelehnt:
Peer kehrt nach Norwegen zurück und birgt eine traurige
Rückschau auf sein Leben. Der spirituelle und metaphysische
Kern des Stücks ist der vierte Kreis. Als Epilog komponiert,
folgt er der Vorgabe des Librettos, das mit der Anweisung
"endloses adagio" auskommt. Der musikalische Prozess
der Ballettmusik vollzieht sich, um es zusammenzufassen, im
stufenweisen Ablegen ballettypischer Elemente und weist kompositorische
Strukturen auf, die auch den Anforderungen symphonischer Werke
entsprechen: die musikalische Umsetzung einer zunächst
realen und einer kontrastierenden irrealen Welt, der verzerrten,
zurückblickenden Reprise der ersten realen Welt und abschließend
der Konstruktion einer imaginären vierten Ebene, in der
die verschiedenen kompositorischen Stränge gebündelt
werden. Schnittke bezeichnete die gesamte Musik des Balletts
als eine Vorstufe zu diesem letzten Kreis. Die formale Einbettung
der eigentlichen Handlung erfolgt dabei mittels einer Einrahmung
durch die Großabschnitte Prolog und Epilog. Auf diese
Weise erhält der Epilog eine doppelte Funktion, da er
selbst das Ziel der kompositorischen Entwicklung darstellt.
Harald Sæverud gilt
heute als Norwegens bedeutendster Symphoniker. 1997 wäre
der wie Grieg aus Bergen stammende Komponist 100 Jahre alt
geworden; als er 1992 starb, hinterließ er ein außergewöhnliches
OEuvre, das nach Ansicht zahlreichernorwegischer Experten
die "norwegischste Musik" beinhalte, die je komponiert
wurde. Durch die Erfahrungen des 2.Weltkriegesänderte
sich das Rezeptionsverhalten des Bergener Publikums, das an
schmachtende Spätromantik gewöhnt war und dem die
Musik Griegs immer noch als Maß aller Dinge galt. Sæverud
stellte sich der besonderen Herausforderung, eine neue Schauspielmusik
zu Ibsens Peer Gynt' zu schreiben. Neu war auch die
Textvorlage: eine neunorwegische (norwegisch: nynorsk)Übersetzung
von Henrik Rytter aus den 1940er Jahren. Dabei verwundert
es nicht, dass diesem Werk nicht nur innerhalb, sondern auch
außerhalb Norwegens größte Aufmerksamkeit
zukam: Der berühmten Bühnenmusik Edvard Griegs wurde
1948- nach dem Joch der deutschen Besatzung - eine neue und
zudem norwegische Version gegenübergestellt. Zudem lag
die Uraufführung einer Peer Gynt-Oper des deutschen Komponisten
Werner Egk gerade zehn Jahre zurück. Egks Werk wurde
trotz der relativ neuartigen Klangwelt von den nationalsozialistischen
Machthabern akzeptiert. Vor diesem in Norwegen natürlich
bekannten Hintergrund setzte Sæveruds Beschäftigung
mit Peer Gynt an. Dem Zeitgeist entsprechend komponierte er
keinen nationalromantisch verklärten Peer Gynt. Die Premiere
am 2. März 1948 in Oslo wurde ein triumphaler Erfolg,
und die Kritikerwaren sich kaum einig, welcher Peer Gynt besser
sei - Griegs oder Sæveruds.
Duke Ellington war nicht nur
ein berühmter Jazzpianist und Bandleader, sondern auch
ein bedeutender Komponist, dessen Einfluss weit über
den Jazz hinausreicht. Gemeinsam mit seinem Kompositionspartner
Billy Strayhorn arrangierte er 1960 fünf Nummern aus
Griegs Peer Gynt und spielte dies auf Schallplatte ein. Das
Resultat war eine bis dahin noch nicht da gewesene Herausforderung
an das Publikum. Was sich für Jazzliebhaber als willkommene
Neuigkeit präsentierte, war für die norwegische
Grieg-Gesellschaft ein Sakrileg, war es doch die Aufgabe ihrer
Mitglieder, über Griegs Ehre als Komponist zu wachen
und seine Werke zu hüten. Der damalige Direktor der Gesellschaft
war entsetzt und schaltete mit der TONO eine Organisation
ein, deren Aufgabe es war, musikalische Urheberrechte durchzusetzen.
Für die Norweger kam nur ein Aufführungs- und Sendeverbot
in Frage. Man hatte Erfolg, denn an sämtliche Plattenlabels
wurde ein Verkaufsverbot für die Aufnahmen versandt.
Innerhalb Norwegens wurden sämtliche Clubs, Restaurants
oder Tanzlokale gewarnt, sie würden bei Aufführungen
geltendes Recht verletzen. Das Verbot tat seine Wirkung, und
dies nicht nur in Norwegen, sondern abgesehen von der Schweiz
und den USA auch in den meisten weiteren westlichen Staaten.
Die Schwedische Musikakademie in Stockholm sah in Ellingtons
Bearbeitungen gar eine bösartige Verunglimpfung auf ein
Stück ernste Musik. Als erster einflussreicher Komponist
sprach sich 1966 der Direktor des Schwedischen Radios Karl-Birger
Blomdahl für Ellington aus und kündigte an, die
Bearbeitungen zu senden. Es schloss sich eine Debatte im norwegischen
Fernsehen an. Ellington selbst äußerte zu dem Aufführungs-
und Verbreitungsverbot: "I don't understand why. It's
a good performance, we like it.We play Grieg our own way,
the way we understand him. This sort of prohibitionor protest
should be done on a musical basis - is our work good enough
or not. Our interpretation is musically justifiable.As far
as I know. And I haven't heard anyone protest our version
of Tchaikovsky's Nutcracker Suite."
[Dr. Axel Bruch]
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