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Sicherlich müssen Originalkompositionen für vier
Violoncelli im Kontext des Streichquartetts gesehen werden;
sie verstehen sich quasi als Abkömmlinge dieser wohl
prominentesten Gattung der Kammermusik. Betrachtet man die
drei auf dieser CD eingespielten Werke, so kann man allerdings
feststellen, dass sie dem Typus des Streichquartetts an Klanglichkeit
und Originalität in nichts nachstehen. Dieses liegt nicht
zuletzt an den Möglichkeiten des Cellos, das über
einen enormen Tonumfang verfügt und sowohl tiefere als
auch höhere Register gleichermaßen mit einem warmen
und weichen Ton anzusprechen vermag.
Friedrich Metzler gehört zur Gruppe jener Komponisten
im 20. Jahrhundert, die sich intensiv mit der älteren
Musikgeschichte auseinandersetzen. So ist es nicht verwunderlich,
dass er fernab aller avantgardistischen Bestrebungen
einen Personalstil entwickelt, der auf kontrapunktischen
Prinzipien fußt und dessen Augenmerk auf eine sinnvolle
zyklische Gestaltung gerichtet ist. Das Quartett für
4 Violoncelli des 1910 in Kanth bei Breslau geborenen
und 1979 in Berlin verstorbenen Komponisten steht ganz im
Zeichen dieser Kompositionsweise, welche auf der Suche
nach neuer Formgebung und hoher zyklischer Geschlossenheit
wie selbstverständlich auf traditionelle musikalische
Elemente zurückgreift. Die vier kurzen Sätze des
Werks sind wie im klassischen Streichquartett angeordnet.
Dem ersten Satz Mäßig schnell liegt eine Sonatenform
zugrunde, wobei erstes und zweites Thema dicht miteinander
verwoben sind. Besonderes Kennzeichen der Durchführung
ist eine wahrhafte harmonische Expansion, die auch die Reprise
entscheidend beeinflusst. Den langsamen Satz prägt eine
von Pizzicati begleitete Kantilene. Sehr rasch lautet die
Tempobezeichnung des dritten Satzes, einem Scherzo, dessen
Trio durch Fugato-Ansätze kontrastierende Akzente setzt,
und der vierte Satz schließlich ist mit einem gleich
bleibenden Refrain und wechselnden Couplets ausgestattet und
somit als Rondo geformt. Über diese nahezu als klassisch
zu bezeichnende formale Gesamtanlage hinaus sind die einzelnen
Sätze untereinander durch ein viel stärkeres Band
verknüpft: Enge Verwandtschaft kennzeichnet die Themen
aller Sätze; sie sind voneinander abgeleitet, sodass
sich der gesamte Zyklus auch als Thema mit Variationen beschreiben
lässt. Inwiefern alte Musik auf die Kompositionsweise
Metzlers Einfluss hat, lässt sich sehr gut am Beispiel
des vierten Satzes des Quartetts darlegen: Der Refrain des
Rondos erinnert infolge seiner kontrapunktischen Faktur und
seines Fortspinnungscharakters an die Tutti-Passagen barocker
Concerti. So verbinden sich in diesem Werk verschiedene traditionelle
Formideen und Techniken zu einer neuen, fest gefügten
zyklischen Ganzheit.
Die Musik Joseph Jongens erscheint im ersten Moment
weniger dicht komponiert als diejenige Metzlers. Seine Klangsprache,
charakterisiert durch ausgedehnte lyrische Passagen und eine
ausdrucksstarke Harmonik, wurzelt in der französischen
Musiktradition, in der als Vorbilder Caesar Franck aber auch
Claude Debussy gelten können. Jongen wurde 1873 in Lüttich
geboren und erhielt dort am örtlichen Konservatorium
auch den wichtigsten Teil seiner musikalischen Ausbildung.
Von 1925 bis 1939 war er Direktor des Brüsseler Konservatoriums.
Jongen starb 1953 in Sart-lez-Spa (Belgien). Die Deux Pieces
pour quatre violocelles op. 89 entstanden im Jahr 1929.
Der erste Satz Lègendes lässt einen locker gefügten
Sonatensatz erkennen, wobei das erste Thema ein höchst
kantabler Liedgedanke auf romantisch-expressive Weise
harmonisiert ist. Wunderbar zu beobachten ist, wie sich das
zweite Thema nahezu organisch aus einer Begleitfloskel der
Überleitung bildet. Dieses Thema wird als Schlussgruppe
der Exposition nochmals wiederholt und sodann in der äußerst
knappen Durchführung erschöpfend verarbeitet. So
kommt die Reprise allein mit der Wiederkehr der ersten Themas
aus, und an die Stelle des zweiten tritt als Bindeglied
zum folgenden Satz eine Coda: Beginnend mit einem in
Flageoletttönen sich aufbauenden Mollklang wird kurz
vor Schluss eine vollkommen neue Sphäre eingeführt.
Sie beendet zum einen den ersten Satz mit in diesem
Zusammenhang als exterritorial empfundenen reinen
Klängen, weist zum anderen aber auch in Richtung des
zweiten, dessen Pizzicati eine für dieses Werk neue Möglichkeit
der Tonerzeugung bedeuten. Dieser zweite Satz bezeugt schon
durch den Titel Danses seinen gänzlich anderen Grundcharakter.
Er besteht im Wesentlichen aus drei Anläufen eines aus
den Anfangspizzicati sich entwickelnden Themas, das durch
zwei walzerartige Episoden unterbrochen wird. Wenn hier also
eine rondoartige Struktur anzunehmen ist, so muss doch eingeschränkt
werden, dass solche formalen Grundmuster (und das gilt auch
für den ersten Satz) für Jongens Musik nur als Behelf
dienen können. Viel zu locker ist die Verbindung der
einzelnen Glieder; stattdessen scheint es ihm eher auf die
innere Ausgewogenheit der musikalischen Gedanken untereinander
anzukommen, die sich einer starren Formanalyse naturgemäß
verschließt. Die erste Episode ruft das verfremdete
Bild eines Walzers wach: Sie steht nicht im drei-viertel-Takt
und trägt dennoch durch die vielen Auftakte und
die für jene Musik typischen musikalischen Floskeln
walzerhafte Züge. Die zweite Walzerepisode weist zwar
den Dreiertakt auf, ist für einen tanzbaren Walzer allerdings
zu schnell geraten. Überdies befassen sich beide Episoden
mit dem Anfangsthema, sodass nahezu alle Figuren des Satzes
in motivisch-thematischem Zusammenhang stehen.
Als avanciertestes Werk dieser CD kann die Suite pour
quatre violoncelles des 1922 in Portier (Frankreich) geborenen
und im Jahr 2000 in Paris verstorbenen Komponisten Pierre
Petit gelten. Der erste Satz Prélude ist
wie die anderen Kopfsätze dieser CD formal durch
das Modell eines Sonatensatzes geprägt. Viel interessanter
erscheint allerdings die Art und Weise, wie die spezifische
Idee des Prélude (= Vorspiel) hier zur Geltung kommt.
Der erste Satz ist nicht nur das Vorspiel zum für
die Suite zentralen langsamen Satz. Ihm selbst ist
sein eigenes Vorspiel vorangestellt: Die ersten Takte des
Prélude bestehen aus Pizzicato-Akkordschlägen
und einem im unisono vorgetragenen eingängigen Motiv.
In erweiterter Form findet sich dieses Material innerhalb
des darauf folgenden ersten Themas sowohl in der Melodielinie
als auch deren Harmonisierung wieder und wird im Nachsatz
des zweiten Themas ebenfalls sichtbar. Der Mittelsatz Adagio
stellt das Zentrum der Suite dar, und dessen weitläufige
Melodiebögen bilden, im Zusammenhang mit einer höchst
eigenwilligen Dissonanzbehandlung, einen extremen Widerpart
zu den anderen beiden Sätzen. Im Mittelteil dieses Satzes
werden durch Flageoletttöne andere Klangsphären
heraufbeschworen, als deren Resultat sich Anklänge an
die Musiksprache Claude Debussys ergeben. Der letzte Satz
Scherzo macht seinem Namen insofern Ehre, als hier viele kurzlebige
musikalische Gedanken geäußert werden, die zum
Teil mit den anderen Sätzen verwandt sind, oder zumindest
Anklänge an deren Grundcharakteristika aufweisen. Er
stellt ein anregendes und durchaus humorvolles Finale für
die Suite dar - man beachte nur die vielen Tempowechsel und
die unvermittelt schroffen Lautstärkeveränderungen
gegen Ende des Satzes.
[Claus Woschenko]
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