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Die Gitarre repräsentiert
mehr als jedes andere Instrument die Musik des 20. Jahrhunderts,
welche durch eine nie gekannte Fülle einander folgender
und überlagernder Formen und Stile gekennzeichnet ist.
Dies beruht nicht zuletzt auf einer erweiterten Differenzierung
sozialer und ethnischer Abstufungen sowie einer schwindenden
Akzeptanz gegenüber "reiner" Kunst, insbesondere
auf musikalischer Ebene. Ausschlaggebend
war der Einfluß afrikanischer Kulturen; er brachte in
Lateinamerika - parallel zum nordamerikanischen Jazz - jene
für die Gitarrenmusik geradezu identitätsstiftende
Stilbündelung des Samba hervor, eine letztlich urbane
Volks- und Tanzmusik, deren europäische Züge durch
eine intensive und phantasievolle Rhythmik exotisiert wurden.
Der erste Block dieser CD thematisiert mit zehn Beiträgen
brasilianischer Musik zugleich diesen ihren Prototyp und dessen
Umfeld. Obwohl Argentinier, versteht sich der Gitarrist und
Arrangeur zahlreicher Musicals Jorge Morel (*1931) auf die
Komposition der bossa nova, einer autorengebundenen, verfeinerten
Entwicklungsform des Samba, welche von der Harmonik des cool
jazz profitiert. Brillant und mitreißend, von virtuosen
Läufen und anregenden Modulationen durchsetzt, stellt
die Danza Brasileira einen Gipfel perfekter Eleganz vor, während
die Bossa in Re, bei kaum vermindertem drive, jenen kitzelnden
Reiz halbtonversetzter Zielklänge auslebt, welcher in
der dissonierenden Nachbarton-Intervallik des Vorspiels bereits
als mottohafter "Schrittmacher" vorgestellt wurde.
Zwei gegensätzliche Charaktere aus der Musikwelt Baden
Powell de Aquinos, der "Personifikation" des Bossa
Nova aus europäischer Sicht, sind durch die anmutig lyrische
Valsa sem Nome und die treibend pulsierenden Rhythmen von
Deve ser Amor vertreten. Das thematische Kopfstück des
Letzteren ordnet sich ganz dem Fluß synkopischer Repetition
unter, indem es auf die zeitstrukturierende Ausprägung
einer "Melodie" zugunsten einer "ewig"
wiederholten Intervallfolge verzichtet, unter deren Oberfläche
die harmonische Richtung verfolgt wird. Da Heitor Villa-Lobos
(1887-1959), der bedeutendste Komponist Brasiliens, sich der
weitverbreiteten Idee eines "Nationalstils" verpflichtet
fühlte, berühren seine Arbeiten vielfach die weitgestreuten
Quellen des Samba. Der verwandte chôro, ein serenadenartiger
Musikstil, welcher die europäischen Tanzmuster lokal
idiomatisierte, diente ihm als bevorzugtes Medium einer durchaus
subjektiven Reflexion popularmusikalischer Wurzeln. In der
Gavotte verschmelzen barocke Diktion und avanciert-folkloristischer
Personalstil zu einem Typus, der die um zwei Jahrzehnte später
folgende Werkserie der Bachianas Brasileiras aus den vierziger
Jahren vorwegnimmt. So wird der gleichmäßige, häufig
sequenzierende Melodiefluß u.a. durch ein metrisch "nachschlagendes"
Begleitmuster aktualisiert, und mit der Tendenz, den viertaktig
periodischen "Motor" durch improvisatorisch wirkende
Phrasenverschiebungen zu unterwandern, dringt der afroamerikanische
Geist der Asymmetrie ein. Den artigen Gesellschaftstanz verkörpert
mehr noch der naive Schottische Choro - eigentlich eine Anglaise
mit südländischem Flair und Kontrasteinschüben
(Couplets) von raffinierter Modernität. Die Leichtigkeit
der Unterhaltungsmusik aus der Frühzeit des Samba ist
in João Pernambucos Son de Carilhões dokumentiert,
welcher passagenweise an entfernte Alpenrepubliken denken
läßt, obwohl der Komponist (1883-1947), ein populärer
Geiger und Zeitgenosse Villa-Lobos', indianisch-portugiesischer
Abstammung war. Von ähnlich freundlicher Grundstimmung,
aber um die Verträumtheit des Bossa Nova erweitert ist
der Passelo no Rio des hierzulande weitaus bekannteren Luis
Bonfa, dessen "Manha de Carnaval" zu den zehn meistgespielten
Stücken der Welt zählt. Garoto, der "Junge"
nannte sich Anibal Agosto Sardinha (1915-1955), einer der
brillantesten Gitarristen/Komponisten Brasiliens überhaupt
und der Wegbereiter des Bossa Nova, welcher 1939 als exotische
Attraktion die USA bereiste. Die ausgewählten Stücke
Duas Contas und Jorge da Fusa sind im Stil gefühlvoller
Jazz-Balladen harmonisiert und dabei reizvoll rhythmisiert.
Roland Dyens (*1955), Franzose tunesischer Herkunft, gefragter
Gitarren-Interpret, -Arrangeur, -Komponist und -Pädagoge,
bereichert das argentinische Nationalgenre um den frech schillernden
Tango en Skaï, dessen effektvolle "Orchestrierung"
vom Interpreten meisterhaft vorgetragen wird. Zwischen die
martialisch straffen Kernphrasen drängen sich posenhafte
"Besinnungs-Rubati" und halsbrecherische Läufe,
wodurch der gestische Charakter des Tanzes humorvoll dramatisiert
wird.
Der zentrale Abschnitt der Nummern 12 bis 14 stellt ein ungleiches
Triumvirat russischer Künstler vor, deren ältester,
Andrey Osipovich Sychra (1773-1850) mit seiner Mazurka die
sonst dem Klavier vorbehaltene Tradition der romantischen
Salonmusik vertritt. Aleksandr Ivanov-Kramskoj (1912-1973)
gilt als Leitfigur der russischen Gitarrenmusik, welcher das
moderne sechssaitige Instrument dort etabliert und mit über
500 Werken bedacht hat. Burst umschreibt die hämmernden
Triolen, deren Koppelung an innerhalb der metrischen Betonung
"wandernde" Klangwechsel eine anregende "Schüttelwirkung"
hervorruft. Die vollgriffige Motorik schreitet sämtliche
Stufen der äolischen Tonleiter mit der Beharrlichkeit
eines perpetuum mobile ab. Die melancholisch schlichte Schönheit
von Anatoly Olshanskijs (*1956) Along the stream beruht auf
spannungserzeugender Ökonomie: Perkussive Akzente über
weiträumig ausklingenden Phrasenschlüssen schaffen
eine Art rhythmisch aktivierter Stille. In dieser Umgebung
verursacht der Klangreiz absteigender Terzparalellen zwischen
ebenfalls (klein)terzverwandten und dennoch weit entfernten
Klängen wohlige Schauer. Das folgende Set von drei Stücken
kehrt nach Südamerika zurück: Die Danza Lucumi des
Kubaners Ernesto Lecuona (1896-1963) mit ihrem gestauten Bass-Ostinato
assoziiert die Trägheit einer mittäglichen Western-Szene,
während die Valse El Mirabino des Venezuelaners Antonio
Lauro (1917-1986), ein eingängiger Tanzsatz über
einfachem Fundamentalbaß, zuweilen mit intrikaten rhythmisch-metrischen
Überraschungen aufwartet. Interessant ist der Beitrag
zu der tangoähnlichen Gattung der Milonga durch den argentinischen
Mediziner, Gitarristen, Komponsiten und Dirigenten Jorge Cardoso
(*1949): Den Tangotypus als "Kern" umgibt ein "Mantel"
aus zwei Schichten, dessen gleichmäßig arpeggierte
"Aussenhülle" rein metrische Komplikationen
aufweist (3+3+2), während die "Mittelschicht"
sowohl progressiv-raffende Genre-Synkopen als auch solche
mit sperrig taktübergreifender Eigenschaft aufweist.
Beidingers Interpretation von Grandmother's Old Pajama Rag
des kalifornischen Autodidakten David Qualey (*1948) dokumentiert
einmal mehr dessen Geschicklichkeit in der Klangfarben-Gestaltung
zwischen gedämpftem und metallischem Klang bis hin zum
Flageolett. Mit dem Cancion de cuna hat der kubanische Instrumentalpädagoge
und Dirigent Leo Brouwer (*1939) ein Charakterstück geschaffen,
das durch die Sparsamkeit seiner melodisch-harmonischen Bandbreite
und die Monotonie der Baßlinie die Trägheit eines
tropischen lullaby vermittelt. Den abschließenden Knalleffekt
bereiten die beiden Beiträge des umtriebigen Schwaben
Georg Lawall (*1952), der für praktisch alle Sparten
der "ernsten" und populären Musik komponiert
hat. Drängende Rhythmik und improvisatorische Züge
prägen die fetzige Funknummer des Nai-Harn-Rip-Off, einer
kurzatmigen Folge markiger grooves und synkopischer blue-note-Passagen,
deren harte Anreißtechnik die Saiten auf das Griffbrett
schnellen läßt. Die besondere Akzentuierung des
pulsierenden beat gipfelt in einem reinen Percussionsabschnitt,
dessen farbige Gestaltung - der harmonischen Sprache der riffs
entsprechend - wieder nach Lateinamerika blickt. Ähnlich
verhält es sich mit dem Kern des letzten Stückes,
dessen mitreißender Swing von einem walking bass getragen
wird, welcher sich aus dem Big Bäng , einem "bellenden"
Akkord mit glissando-fall herausschält. Die knappen Off-beat-Einwürfe
suggerieren eine brass-section in dieser brillant "orchestrierten"
und bravourös interpretierten Darbietung.
[Andreas Hund]
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